Pressemitteilung 28. Januar 2026, Engagierte Stadt Cloppenburg: Schülerinnen erzählten von ihren Eindrücken in Auschwitz, Rabbi Levi Israel Ufferfilge sprach über jüdisches Leben heute: Die Holocaust-Gedenkfeier mit gut 100 Gästen im Rathaus setzte nachdenkliche Akzente. Aber geschmunzelt wurde auch.
Ein schmaler junger Mann in weinrot-blauen-Anzug mit weiß-gepunkteter Fliege steht vorn am Rednerpult, zwischen Brille und Bart ein freundliches Lächeln, zwei silberfarbene Klammern halten die dunkelblaue Kappe auf dem Kopf, die ihn immer wieder in arge Bedrängnis bringt und die er dennoch nicht verstecken will: Levi Israel Ufferfilge geht „nicht ohne meine Kippa“ aus dem Haus. Was das für seinen Alltag bedeutet, erzählt der Oldenburger Rabbi in seinem gleichnamigen Buch und auch als Hauptredner zum Holocaustgedenktag im Cloppenburger Ratssaal.
Bürgermeister Neidhard Varnhorn begrüßte die mehr als 100 Besucher/innen und unterstrich die Bedeutung des Gedenkens: „Der Holocaust darf nicht als unbequemer Historien-Ballast verstauben. Er darf nicht relativiert werden. Und er darf nicht vergessen werden. Diese Feierstunde ist ein Zeichen dafür, dass wir uns dieser Verantwortung stellen.“
Organisiert wurde die Feierstunde federführend von Dr. Irmtraud Kannen, die das Oldenburger Münsterland im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Oldenburg vertritt. Sie setzt damit das jahrzehntelange Engagement von Karl Sieverding fort, dem sie für seinen unermüdlichen Einsatz herzlich dankte. Sieverding hatte die Aufgabe aus gesundheitlichen und Altersgründen übergeben, ließ es sich aber nicht nehmen, persönlich an der Gedenkfeier teilzunehmen.
Die GCJZ hatte im vergangenen Herbst eine Schülerfahrt nach Krakau und Auschwitz initiiert – auch eine Gruppe des Cloppenburger Clemens-August-Gymnasiums nahm das Angebot
an. Die Jugendlichen besuchten sowohl das Stammlager Auschwitz als auch das ehemalige Vernichtungslager Birkenau. Ihre Eindrücke hielten sie in Texten und Fotografien fest. Zwei Teilnehmerinnen, Sarah Hagedorn und Charlotte Lüken, trugen ihre Berichte im Ratssaal vor. Sie schilderten die bedrückende Stimmung schon am Eingangstor des Lagergeländes. Die Kinderbaracken, die Räume für Mengeles medizinische Experimente an Juden, die Gaskammern, die Ruinen der Krematorien – das alles mit eigenen Augen zu sehen, erschütterte die Jugendlichen. Dazu die Gedenkstätten mit den Namen der Opfer und viele ihrer ganz persönlichen Gegenstände in der Ausstellung, sogar ein Berg abrasierter Haare der hier gequälten und ermordeten Menschen – das machte klar: Der Holocaust ist keine Fiktion, das Unbegreifliche ist tatsächlich passiert – „in einem Ausmaß, das kein Geschichtsbuch vermitteln kann“.
Im Mittelpunkt der Gedenkfeier stand der Vortrag von Rabbi Levi Israel Ufferfilge. Schon als Kind lernte er, dass jüdische Sichtbarkeit gefährlich sein kann. Beim Verlassen der Synagoge zog ihm die Großmutter die Kippa hastig vom Kopf – lieber nicht auffallen, lieber das Jüdischsein verbergen. Beim Grillen erklärte den Verzicht auf die Bratwurst mit vegetarischen Gründen statt mit seiner koscheren Lebensweise.
Der heute 38-Jährige gehört zur dritten Generation nach dem Holocaust. Und doch wuchs er in seiner Heimatstadt Minden mit alltäglichen Schmähungen, Ablehnung und Gewalt auf. Als Jugendlicher entschied er sich bewusst dagegen, sich weiter zu verstecken, und begann, seine Kippa offen zu tragen – als sichtbares Zeichen seines Glaubens. Eine Entscheidung, die Folgen hatte, auch im Studium in Düsseldorf: Im Bus zerrte eine muslimische Frau ihre Kinder wütend schimpfend von den Sitzen weg: Bloß nicht neben einem Juden. Vor einem Supermarkt rammte ihm ein Unbekannter unvermittelt die Faust in den Magen. Nach einem Kinobesuch wurden er und seine Freunde auf dem Heimweg von arabischen Jugendlichen verfolgt und mit Glasflaschen angegriffen. An einem S-Bahnhof beleidigt ihn ein Fremder und attackierte ihn auch körperlich so massiv, dass er sich nur noch mit dem Holzgriff seines Regenschirms verteidigen konnte.
Alltägliche Szenen, auf die die Polizei seinerzeit kaum reagierte. Und wenn, dann mit Ratschlägen wie: Kippa zu Hause lassen; Statt Bus lieber ein Taxi nehmen und das mit einem bio-deutschen Fahrer; als Jude besser nicht in der Stadt unterwegs sein – nicht unterwegs sein in der Stadt, in der man lebt? Reaktionen, die lange Zeit von Wegsehen und Verharmlosung geprägt waren. Heute, so Ufferfilge, nähmen Polizei und Behörden Antisemitismus ernster und hätten verstanden, dass es sich dabei „nicht um ein historisches Thema, sondern um ein aktuelles und virulentes Phänomen“ handele. Dennoch gebe es in Deutschland keine jüdische Gemeinde, die ohne massive Sicherheitsvorkehrungen auskomme – auch seine Oldenburger Gemeinde nicht. Mauern und Zäune schützen die Gebetsräume und jüdischen Einrichtungen, Eingangsschleusen und Security, Fenster mit schuss-sicherem Glas, um betende Menschen zu schützen.
Das alles erzählte der junge Rabbi in einer Art, die man von einem so persönlich Betroffenen nicht erwarten würde. Mit einem virtuosen Wortwitz, der unweigerlich schmunzeln lässt. Ufferfilge will kein Betroffenheits-Rocker sein. Und so schildert er humorig und mit leisem Spott auch die Begegnung mit einer Reisegruppe selbsternannter Bildungsbürger auf einem Bahnsteig in Ostwestfalen, die den „Juden in freier Wildbahn“ bestaunten „wie einen Orang- Utan aus Borneo“. Und da bleibt einem als Zuhörer oder Leser auch schon mal das Lachen im Halse stecken. Denn Levi Israel Ufferfilge erzählt in seinem Buch diese und viele andere Erlebnisse nicht nur mit kabarettistischem Talent, sondern auch mit einer emotionalen Tiefe, die Nähe schafft und Mitgefühl. Verbunden mit dem Appell, nichts totzuschweigen sondern miteinander zu reden, ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. Damit auch die heutigen und nachfolgenden Generationen wachsam bleiben.
Die Zuhörenden dankten Rabbi Ufferfilge mit anhaltendem Applaus. Viele nutzten im Anschluss die Gelegenheit zum Austausch am Büchertisch, wo die Buchhandlung Terwelp neben dem Taschenbuch von Rabbi Ufferfilge auch ein Holocaust-Kinderbuch anbot, das Dr. Irmtraud Kannen als eines der besten, die sie in ihren Jahrzehnten als Lehrerin und auch danach jemals in die Hände bekommen habe, empfahl. Vor dem Ratssaal schauten sich die Gäste auch die dort aufgestellten Friedensstelen der Pfarreiengemeinschaft Artland an. Die kantigen Säulen mit den farbigen Glas-Collagen verschmelzen Scherben und Bruchstücke zu einem neuen Ganzen und sollen „die Hoffnung auf Frieden zum Leuchten bringen“. Die vom ostfriesischen Glaskünstler Klaus-Dieter Happek geschaffenen Lichtquader sind noch bis Mitte Februar im Rathaus Cloppenburg (1. OG vorm großen Sitzungssaal) zu sehen.
