Das bewegt die engagierte Stadt

Bundeskanzlerin bei Ehrenamtsempfang in Heidenheim

Hoher Besuch im Congress Centrum: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel kam 11. Mai nach Heidenheim, um dem Ehrenamt die Ehre zu geben.

Mehr als 1000 Ehrenamtliche waren zu der gemeinsamen Veranstaltung von Stadt und Landkreis Heidenheim gekommen, bei welcher vier Vertreter des Ehrenamts ihre Arbeit vorstellten und unter Moderation von Dr. Hendrik Rupp (Redaktionsleiter Heidenheimer Zeitung) mit der Kanzlerin, Landrat Thomas Reinhardt und Oberbürgermeister Bernhard Ilg ins Gespräch kamen. Die richtigen Argumente für die Reise der Bundeskanzlerin nach Heidenheim hatte der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter gefunden – und diese Argumente, nämlich das ganz besondere ehrenamtliche Engagement ebenso wie der strukturierte Aufbau von Netzwerken im Kreis Heidenheim, seien offenbar überzeugend gewesen, so der Oberbürgermeister bei der Begrüßung der Gäste. Ilg zufolge gibt es Vereine und die Förderung des Bürgerengagements zwar überall in Baden-Württemberg, verwies aber gleichzeitig auf einen entscheidenden Unterschied: „Was wir in Heidenheim offensichtlich besser hinbekommen und auch früher angepackt haben als andere, ist der organisierte Aufbau von Strukturen und die Entfaltung von Partnerschaften und Netzwerken.“ Er belegte diese Aussage mit dem Hinweis auf das Integrationszentrum Heidenheim, in dem die Flüchtlingsbetreuung von allen zuständigen Stellen koordiniert stattfindet. Dieses Modell sei beispielgebend für ganz Deutschland.

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Besuch im Congress Centrum Heidenheim beim Ehrenamtstag
Fotograf: Oliver Vogel

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich beeindruckt von der großen Zahl an Ehrenamtlichen, die ins Congress Centrum gekommen waren – und das, obwohl sie wisse, dass das Ehrenamt in Baden-Württemberg tief verankert sei. „Sie sind ein tolles Stück Deutschland“, wandte sich die Kanzlerin dankend an die Gäste. Das Ehrenamt sei ein Gewinn für die Gesellschaft.

Welche Bedeutung das Ehrenamt hat, wurde an diesem Nachmittag von allen Rednern vielfach betont. Was das Ehrenamt in der Praxis leistet und wo bisweilen der Schuh bei den Ehrenamtlichen drückt, schilderten Uli Steeger (Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbands Heidenheim), Dorothee Raspel (Koordinierungsstelle Bürgerschaftliches Engagement und Demografie „Ich für uns“ der Stadt Heidenheim),  Dr. Peter Wengefeld (Freundeskreis Asyl im Landkreis Heidenheim) und Dr. Volker Wiedenmann (Vorsitzender Heidenheimer Sportbund 1846 e.V.).

Uli Steeger hob hervor, dass die Feuerwehr im gesamten Landkreis Heidenheim zu 100 Prozent ehrenamtlich agiert – in insgesamt 40 Einsatzabteilungen versehen 1450 Frauen und Männer ihren Dienst, leisten Hilfe und sind darüber hinaus eine wichtige Säule der Dorfgemeinschaften. Hinzu kommen sieben Werkfeuerwehren mit 180 Angehörigen. Wie Steeger deutlich machte, sind die aktuellen Zahlen der ehrenamtlichen Einsatzkräfte noch in Ordnung, jedoch werde sich dies etwa aufgrund der demographischen Entwicklung ändern. Er plädierte dafür, die Wertschätzung für den ehrenamtlichen Feuerwehrdienst durch konkrete Maßnahmen zu erhöhen, wobei die Unterstützung der Politik benötigt werde. Als ein Beispiel nannte Steeger die Einführung von Punkten, die den Feuerwehrangehörigen für die Rente angerechnet werden.

Die „Caring Community“ Heidenheim wurde von Dorothee Raspel vorgestellt. Ziel sei eine fürsorgende Gemeinschaft mit lebendigen Nachbarschaften, in der jeder Mensch Verantwortung für andere übernimmt oder übernehmen kann. Wie das umgesetzt werden kann, hat die Koordinierungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement und Demografie „Ich für uns“ der Stadt Heidenheim in Zusammenarbeit mit dem Partner Duale Hochschule in einem Konzept zusammengestellt – umgesetzt wird dieses Konzept von „Ich für uns“ und der Familienbildungsstätte in Heidenheim. Insbesondere werden hierbei neue Formen von Nachbarschaftshilfe implementiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Besuch im Congress Centrum Heidenheim beim Ehrenamtstag
Fotograf: Oliver Vogel

In den Fokus genommen wurde zudem das Thema Flüchtlingshilfe. Dr. Peter Wengefeld schilderte die Situation im Landkreis Heidenheim vor rund zwei Jahren, als die Flüchtlingszahlen deutlich angestiegen waren. Wie Wengefeld deutlich machte, habe es den Freundeskreis Asyl Heidenheim schon zuvor gegeben, der Anstieg der Flüchtlingszahlen ab 2014 habe dann  zur Bildung zehn weiterer Freundeskreise im Landkreis geführt, die sich ab Mitte 2015 zu einem Netzwerk Asyl im Landkreis Heidenheim zusammengeschlossen haben. Insgesamt waren zwischenzeitlich rund 1000 Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe im Landkreis Heidenheim aktiv. Auch nach dem Rückgang der Zuweisungszahlen habe das ehrenamtliche Engagement enorme Bedeutung zur Unterstützung der Integration der Geflüchteten. Im von der Stadt erworbenen und unter Federführung des Landkreises betriebenen Integrationszentrum Heidenheim (IZH) würden hierbei ideale Voraussetzungen geschaffen, um den Flüchtlingen auf kurzen Wegen eine passgenaue Bearbeitung ihrer Anliegen zu ermöglichen, sowie deren Berufseinstieg durch spezifische Angebote zu erleichtern. Hinzu komme das Begegnungszentrum Migration und Ehrenamt (BZME) in der ehemaligen Waldkirche, in dem Raum für Begegnungen ermöglicht werde. Wengefeld schilderte aber nicht nur die Stützen, sondern auch die Hemmnisse in der Flüchtlingshilfe: Unter anderem seien dies Unterschiede im Status der Geflüchteten, die schleppende Familienzusammenführung und die mögliche Abschiebung von Geflüchteten in der Ausbildung.

Auf das Ehrenamt im Sport ging Dr. Volker Wiedenmann näher ein, der den Heidenheimer Sportbund 1846 e.V. vorstellte. Besonders in den Fokus rückte er die Schwierigkeiten bei der ehrenamtlichen Tätigkeit. So werde ein gemeinnütziger Verein rechtlich behandelt wie ein Wirtschaftsunternehmen – obwohl er gar keine Gewinne machen dürfen. Aufgrund der Behandlung der Vereine, als seien sie Wirtschaftsunternehmen, und wegen des Erlasses von neuen Bundesgesetzen haben sich die Verwaltungskosten des Heidenheimer Sportbunds allein von 2009 bis 2017 von ca. 60.000 Euro pro Jahr auf 160.000 Euro pro Jahr erhöht, betonte Wiedenmann. Es bedürfe dringend der Hilfe des Gesetzgebers, damit Ehrenamtliche nicht durch bürokratische Hürden daran gehindert würden sich für die Gesellschaft einzubringen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Besuch im Congress Centrum Heidenheim beim Ehrenamtstag
Fotograf: Oliver Vogel

In der Podiumsdiskussion zeigte die Bundeskanzlerin besonders an den Hürden, denen sich das Ehrenamt gegenübersieht, großes Interesse. Gleichzeitig machte sie aber auch deutlich, dass jede Form von Rechtssicherheit, beispielsweise bei der Unfallversicherung oder beim Kinder- und Jugendschutz, auch Regelungen mit sich bringe. Das richtige Maß zu finden sei hierbei schwierig. Auch auf den Wunsch nach mehr praktischer Wertschätzung für das Ehrenamt ging sie gezielt ein – für besonders wichtig hält sie regionale Anerkennungen, beispielsweise ermäßigte Kulturangebote, wie sie in vielen Kommunen bereits umgesetzt werden. Aber auch eine Berücksichtigung ehrenamtlicher Tätigkeit beim Studienantritt – etwa bei der Berechnung des Numerus Clausus – sieht die Bundeskanzlerin positiv. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie von Seiten des Bundes wie bei den Mehrgenerationenhäusern eine Summe für Anlaufstellen für Ehrenamtliche in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern zur Verfügung gestellt werde.

Auch im Bereich Flüchtlingshilfe, insbesondere beim Thema Familienzusammenführung, zeigte die Kanzlerin große Anteilnahme. Sie wisse, dass dies auch für die Helfer oft eine Zerreißprobe sei. Sie bat gleichzeitig um Verständnis, dass nicht alles auf einmal geschehen könne. Abschließend rief die Kanzlerin die Ehrenamtlichen dazu auf, die Probleme und Hürden, denen sie sich stellen müssen, zu sammeln und zuzuschicken – das sei ein wichtiges Thema, so die Kanzlerin, die sich zuversichtlich zeigte, dass kleine Verbesserungen ermöglicht werden können.

Landrat Thomas Reinhardt dankte der Kanzlerin für ihr Kommen und überreichte ihr einen Korb mit Präsenten von Stadt und Landkreis. Zudem wandte er sich noch einmal an die über 1000 Gäste im Congress Centrum, die stellvertretend für alle Ehrenamtlichen im Landkreis Heidenheim am Ehrenamtsempfang teilnahmen: „Ohne Sie gäbe es keinen Schutz und keine Hilfe, kein Miteinander und kein Füreinander, ohne Sie wäre unsere Gesellschaft arm, ja armselig und trostlos. Dank Ihnen gibt es bei uns eine lebenswerte, aktive und solidarische Bürgergesellschaft.“

Bürgermeistertreffen im Bundesfamilienministerium

Die Bürgermeister der Kommunen aus dem Programm „Engagierte Stadt“ sind am 22. März im Bundesfamilienministerium zusammengekommen. Das Ministerium liegt in der Berlin Glinkastraße und der russische Komponist Glinka wurde auch gleich bemüht: „Es ist das Volk, das die Musik schafft; wir Musiker arrangieren sie nur“. Dieses Zitat ließe sich doch bestens auf den Umgang eines Bürgermeisters mit Engagement in seiner Kommune übertragen. Das fand Bürgermeisterin Verena Hergenröder aus dem sächsischen Ebersbach-Neugersdorf. Und 33 andere Verwaltungschefs aus dem ganzen Bundesgebiet, von Rheinfelden an der Schweizer Grenze bis zu Flensburg im hohen Norden, sahen das ähnlich:  Als Dienstleister der Bürger, als Scharnier zwischen Bürgerschaft und Verwaltung, als Anker und Rückgrat für Engagement beschrieben sie ihre Rolle für lokales Engagement.

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Foto: Anna Rozkosny

Beim Bürgermeistertreffen ging es vor allem darum, wie bürgerschaftliches Engagement vor Ort funktioniert, welchen Rahmen es braucht und wie Verantwortungsgemeinschaften vor Ort wachsen können. 34 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister folgten der Einladung.  Dr. Heiko Geue, Leiter der Grundsatzabteilung im BMFSFJ,  beschrieb, wie stolz man im Ministerium auf die „Engagierte Stadt“ sei, mit der Neuland beschritten worden sei: Trisektorale Förderung, Konzentration auf die Infrastruktur für Engagement – und das alles mit Respekt vor dem Eigensinn der Zivilgesellschaft. Im  Programm sei es exzellent gelungen, lokale Engagementnetzwerke zu fördern, ohne dass sich die Förderer thematisch einmischten.

Dr. Christoph Emminghaus von der SysponsGmbH präsentierte einige Evaluationsergebnisse: Lediglich 30% der Engagierten Städte verfügen demnach bereits über eine eigene Verwaltungseinheit zur Engagementförderung. Engagierte Städte haben aber immer dann bessere Chancen, z.B. ihre Kerngruppen zu vergrößern, wenn die Verwaltung mit an Bord ist. Und sie erreichen zu 20% besser ihre selbst gesteckten Ziele, wenn sie auch die lokale Wirtschaft einbinden können. Die Potenziale gemeinsamen Wirkens als strategisches Grundkonzept der Engagierten Stadt stellte Uwe Amrhein von Generali Deutschland vor. Er plädierte dafür, nicht einzelne Engagementprojekte zu fördern, sondern „Ökosysteme für Engagement“ vor Ort zu schaffen, mit denen man jeder Herausforderung mit einer stabilen Struktur begegnen könne.

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Foto: Anna Rozkosny

Dann trugen die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen selbst an runden Tischen ihre Erfahrungen zusammen, wie vor Ort Kooperationen gelingen können: Prozesse müsse man ergebnisoffen gestalten, man brauche gute Steuerung, aber auch  Arbeitsteilung und eine transparente Kommunikation. Und die Politik als Partner? Viele Bürgermeister verwiesen auf eine angespannte Finanzsituation. „Aber wir können immer Türöffner sein“, so Kaufbeurens Bürgermeister Bosse, der allerdings selbst auch eine eigene Abteilung zur Stärkung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements in seiner Stadt etabliert hat. In zehn Jahren sei „Kaufbeuren-aktiv“ als Koordinierungszentrum zur festen Größe in der Stadt geworden. Eine Einrichtung, die sich bewähre und sogar rechne, könne sie sich doch auch erfolgreich um Förderung bewerben.

Plattformen für den laufenden Austausch mit Bürgern, Engagementlotsen in der Verwaltung oder der Bürgermeister als Gestalter und Moderator. Vieles wird in vielen Orten schon erprobt. Und „es tut sich immer mehr, wenn es der Chef ernst nimmt“, bilanzierte abschließend Moderator Dr. Christoph Eichert, selbst ehemaliger Oberbürgermeister. Ehrenamt brauche Hauptamt – und das sei der Beitrag der Kommunen.

Engagement-Strategie 2018+ in Bocholt

Verwaltung und Politik beschließen „Engagement-Strategie 2018+“!

In der Engagierten Stadt Bocholt wird das Programm vom Verein Leben im Alter in Kooperation mit der städtischen Ehrenamtsförderung und der städtischen Freiwilligen-Agentur umgesetzt. Verwaltung und Vertreter der Politik der Stadt Bocholt legten nun eine gemeinsame „engagementstrategie2018“ auf, welche in der Sitzung des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales der Stadt Bocholt am 29.11.2016 mit großer Zustimmung und einstimmig beschlossen wurde.

Die Ziele aus dem Programm Engagierte Stadt sind in dieser Strategie vollständig aufgenommen worden. Zusätzlich basiert die Strategie der Stadt Bocholt in vielen Teilen auf die bisherigen Ergebnisse und formulierten Ziele des Programms und folgt dem Ansatz des gesamtstädtischen Netzwerkes unter Einbindung aller Akteure.

bocholtMit der Namensgebung „2018+“ wird zum Ausdruck gebracht, dass die Ergebnisse aus dem Programm der Engagierten Stadt in die Nachhaltigkeit überführt werden sollen. Damit wird ein wichtiger Punkt des Bocholter Konzeptes zur Engagierten Stadt bereits frühzeitig auf den Weg gebracht: Der spätere Transfer in die städtische Freiwilligen-Agentur und hierdurch Sicherung der Nachhaltigkeit.

Neben der Fortführung des Netzwerkes der Engagierten Stadt Bocholt nach Programmende hinaus, werden mit der Engagement-Strategie 2018+ unter anderem die Gründung einer „Freiwilligen-Akademie“, die Schaffung einer eigenständigen Homepage „Wir-für-Bocholt“ – für alle Themen und Akteure rund um das ehrenamtliche Engagement – sowie die erstmalige Durchführung der „Marktplatz-Methode“ in Bocholt beabsichtigt. Darüber hinaus sind noch weitere Maßnahmen vorgesehen und es soll ab 2018 die Geschäftsführung für das Netzwerk Engagierte Stadt Bocholt übernommen werden.

Agnes Wellkamp, Projektleiterin des lokalen Projektträges Verein Leben im Alter e.V. und Rainer Howestädt, Ehrenamtskoordinator der Stadt Bocholt freuen sich gemeinsam: „Das ist ein sehr wichtiger Meilenstein für die Engagement-Förderung in Bocholt!. Die bisherigen Ergebnisse aus der Engagierten Stadt Bocholt und die Überlegungen und Ziele von Verwaltung und Politik sind in der Engagement-Strategie 2018+ perfekt zusammen gefasst. Wir nehmen diese Strategie nun als weiteren Arbeitsauftrag wahr, uns intensiv und engagiert um die Umsetzung zu bemühen.“

Rede von Dr. Christof Eichert in Wetzlar

„Kennen Sie das Buch „Der Ruinenbaumeister“? Es stammt aus dem Jahr 1968, ist von Herbert Rosendorfer geschrieben und eine köstliche Aneinanderreihung skurriler Geschichten.  Der DTV-Verlag wirbt heute noch für dieses wunderbare Buch mit dem Hinweis „Komische und turbulente Abenteuer jenseits aller Vernunft“. Zu den Abenteuern gehört der Ruinenbaumeister Weckenbarth, der sinnlos, aber meisterhaft Ruinen baut, da seine Auftraggeber nicht so lange warten wollen, bis die Häuser durch Zeitablauf schließlich ansehnliche, den neidischen Nachbarn vorzeigbare Ruinen werden.

Manchmal in den 35 Jahren meiner Berufstätigkeit erinnere ich mich an diese Figur Weckenbarth. Wie viele Ruinen habe ich erlebt, wunderbar entworfen und doch schon vor dem ersten Stein zur Ruine bestimmt. Ich spreche von Förderprogrammen der Politik und von Stiftungen, die unentwegt Projekte angestoßen hat, von denen schon vorher erwartet werden durfte, dass sie nie mehr als unfertige Werke sein würden, der neidischen Konkurrenz aber als Beispiel eigener Gestaltungkraft gezeigt werden konnten. Inzwischen ist es keine literarische Schnurre oder Kritik unter Fachleuten mehr. Nein, es wird offen und zunehmend selbstkritisch über die zahllosen Projektruinen engagierter Projekt-Baumeister  gesprochen, über die vielen Initiativen, die mit befristeten Budgets aus öffentlichen und Stiftungskassen schön begonnen wurden, aber im Grunde nie mehr als nur Ruinen sein konnten.

Um aus diesem Bild endlich herauszuspringen, um nicht noch mehr „komische und turbulente Abenteuer jenseits aller Vernunft“ zu entwickeln, haben sich vor wenigen Jahren eine kleine Reihe von Stiftungen und das Bundesfamilienministerium zusammengefunden. Sie wollten im Feld der Engagement-Förderung gemeinsam und besser abgestimmt aktiv sein, aber nicht erneut nur für wenige Jahre einige Projekte in den Kommunen anbrüten, um sie dann wieder sich selbst zu überlassen. Daraus ist das Programm Engagierte Stadt entsprungen.

DSC_0867Wir brauchen Bürgerschaftliches Engagement. Darüber gibt es im Grunde keinen Streit mehr. Was aber vielen Politikern schwer fällt, ist die Erkenntnis, dass zwischen wohl-meinenden Worten der Politik über den Wert des Ehrenamtes auf der einen Seite und Forderungen nach dem willigen Einsatz der Bürger für finanzschwache Haushalte auf der anderen Seite eine ziemlich große Zumutung liegt. Engagement braucht Selbstbestimmung und Wertschätzung der Bürgerinnen und Bürger, es ist kein KRUFDI, kein „Kommunaler Reserve- und Freiwilligendienst“. Es braucht genauso stabile lokale Strukturen und Förderung. Engagement ist nicht nur eine Sache des Einzelnen oder der einsam agierenden Bürgerschaft alleine. Es benötigt Anlaufstellen, Organisations-Strukturen und Ressourcen vor Ort, damit aus Engagement tatsächlich Wirkung entsteht. Diese Anlaufstellen und Engagement-Zentralen vor Ort zu haben und vor allem eine effektive  Zusammenarbeit der vielen Aktiven zu erreichen ist der entscheidende Schritt zu einem aktiven Gemeinwesen der Zukunft, eben der Engagierten Stadt.

Im Netzwerkprogramm „Engagierte Stadt“ will die gemeinsame Initiative die weitere Entwicklung und Absicherung des bürgerschaftlichen Engagements in den Kommunen und Gemeinden nachhaltig stärken. Es sind dies die Bertelsmann Stiftung, die BMW Stiftung, der Generali Zukunftsfonds, die Herbert Quandt-Stiftung, die Körber-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und das Bundesfamilienministerium. Gemeinsam stellen wir in drei Jahren insgesamt drei Millionen Euro ausschließlich für lokale Weiterentwicklungsprozesse bei der Engagementförderung zur Verfügung.

Es geht also gerade nicht um den Aufbau neuer Strukturen, die nach drei Jahren dach-und geldlos als Ruinen bestaunt werden können. Genau dies wollen wir nicht. Es geht um das gemeinsame Lernen, wie man in dem Dreiecks-Verhältnis zwischen Bürgergesellschaft, Kommune und Wirtschaft ein besseres Zusammenarbeiten entwickeln und die gemeinsamen neuen Wege im Alltag erproben kann. Genau dies ist auch das ausgezeichnete und deshalb ins Programm aufgenommene Konzept der Freiwilligenzentrale Wetzlar. Ihnen geht es um eine Verantwortungspartnerschaft hier vor Ort und die Füllung dieses großen, aber schönen Wortes mit Leben.

Wer weiß, vielleicht gelingt es ja am Ende des Programms Engagierte Stadt, „Komische und turbulente Abenteuer der angewandten Vernunft“ zu schreiben. Eine Geschichte könnte aus Wetzlar stammen, wenn Sie weiter so zielstrebig entwickeln, was Verantwortungs-partnerschaft im Alltag der Engagierten bedeutet.“

Von Dr. Christof Eichert, Vorstand der Herbert Quandt-Stiftung, anlässlich der Auftaktveranstaltung in Wetzlar am 15. März 2016.

Nachbar-schafft-Innovation

NachbarschafftInnovation

Ob demografischer Wandel, Globalisierung, Migration oder die Umstellung auf erneuerbare Energien: Deutschland steht in verschiedenen Bereichen vor großen Herausforderungen. Herausforderungen, die der Staat, Unternehmen, Institutionen und andere gesellschaftliche Akteure nur mit dem Engagement der Bürger meistern können. Kooperationen, Netzwerke und Initiativen tragen wesentlich dazu bei, Deutschland auch in Zukunft wettbewerbsfähig und lebenswert zu gestalten. Ihnen bereitet der Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ in diesem Jahr eine Bühne.

Im Wettbewerbsjahr 2016 suchen „Deutschland – Land der Ideen“ und die Deutsche Bank 100 zukunftsweisende Projekte, die die Potenziale von Nachbarschaft im Sinne von Gemeinschaft, Kooperation und Vernetzung nutzen und so einen gesellschaftlichen Mehrwert zur Lösung von gegenwärtigen oder künftigen Herausforderungen schaffen. Bewerbungen können hier bis zum 3. März 2016 eingereicht werden. Weiterführende Informationen können Sie auch dem Flyer zum Wettbewerb entnehmen.

Engagementstrategie des BMFSFJ

bmfsfj_engagementstrategieDer Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Dr. Ralf Kleindiek, hat am 25. Januar die neue Engagementstrategie gestartet, die das Bundesfamilienministerium in den letzten sechs Monaten zusammen mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft erarbeitet und formuliert hat. Als wichtiges Handlungsfeld definiert die Strategie vor allem die Stärkung der Engagement-Infrastruktur. Hier hat das Bundesfamilienministerium mit dem bundesweiten Patenschaftsprogramm „Menschen stärken Menschen“ sowie dem Netzwerkprogramm „Engagierte Stadt“ bereits erste wichtige Schritte getan. Aber auch die Stärkung der Anerkennungskultur von Engagement in der öffentlichen Wahrnehmung und die Verstetigung und Weiterentwicklung der Freiwilligendienste werden wichtige Schwerpunkte bleiben. Zu lesen ist die Engagementstrategie hier: BMFSFJ_Engagementstrategie

Was die strategische Ausrichtung der Engagementpolitik konkret bedeutet:

  • Eine neu eingerichtete Unterabteilung wird als fünfte zentrale Politiksäule im Bundesfamilienministerium genutzt, um Engagementpolitik in Deutschland fest zu verankern.
  • Mit Partnern wird systematisch nach gemeinsamen Lösungen und Vorhaben gesucht, die dann in einer vertrauensvollen Atmosphäre umgesetzt werden.
  • Die Engagement-Infrastruktur soll so gefördert werden, dass die finanziellen Mittel auch tatsächlich der lokalen, kommunalen Ebene zugutekommen, auf der das Engagement tatsächlich stattfindet.
  • Trotz der großen Bedeutung des Themas Flüchtlinge wird darauf geachtet, Engagementpolitik nicht darauf zu reduzieren, sondern alle gesellschaftlichen Veränderungen und daraus erwachsenden Herausforderungen im Blick zu behalten
  • Über alle Bevölkerungsgruppen und Einzelherausforderungen hinweg ist dem Bundesfamilienministerium wichtig, die Vereinbarkeit von Familie, Beruf, (Aus-) Bildung und Engagement als einem zentralen Faktor engagementpolitischen Gelingens zu unterstützen.

Bildungsurlaub für Qualifizierung im Ehrenamt

Seit Beginn des neuen Jahres wird in Baden-Württemberg die Bildungszeit um Qualifizierungen im Ehrenamt ergänzt. Das bedeutet, dass sich Beschäftigte für Weiterbildungen in ihrem Ehrenamt an bis zu fünf Arbeitstagen pro Jahr freistellen lassen können. Bereits seit Anfang Juli 2015 ist im Südwesten eine Freistellung an bis zu fünf Tagen für Weiterbildungen im beruflichen und politischen Bereich möglich. Durch die Rechtsverordnung, die am 1. Januar 2016 in Kraft tritt, wird das Bildungszeitgesetz nun um Qualifizierungen im Ehrenamt ergänzt. Nähere Informationen zu der neuen Regelung finden Sie hier: https://rp.baden-wuerttemberg.de/Themen/Bildung/Seiten/Bildungszeit.aspx

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