Worms

Martin Gauer ist Koordinator des Wormser Sozial- und Bürgernetzwerkes.

Drei Fragen an

Martin Gauer

Was wollen Sie in Ihrer Stadt verändern?

Die Menschen der Kernstadt sollen aus der Anonymität heraustreten. Wir wollen sie zum gesellschaftlichen Engagement motivieren.

Wer baut mit an Ihrer engagierten Stadt?

Unsere Kooperationspartner sind bereits Caritas, Arbeiter Samariter Bund, Diakonisches Werk, der Verein für Kultur, Bildung und Sport mit über 250 Mitgliedern aus dem osteuropäischen Kulturkreis, die Vereinigung zur Förderung Schwerstbehinderter, Ehrenamtliche, die sich um das Bahnhofsumfeld kümmern sowie die muslimischen Religionsgemeinschaften. Weitere sollen gewonnen werden. Auch Stadtratsmitglieder und die Koordinatorin für Ehrenamt der Stadt werden an der Umsetzung des Konzeptes mitwirken. Die Vereinigung plant mit dem Verband türkischer Unternehmer Rhein-Neckar eine deutsch-türkische Kindertagesstätte.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich?

Begeisterung für die Entwicklung von attraktivem Leben in der Innenstadt und die Überzeugung, dass es funktioniert. Bereitschaft, fremde Menschen anzusprechen und zum Mitmachen zu bewegen.
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Einwohnerinnen und Einwohner: 80.296
Bevölkerungsdichte: 738 Einwohner/km²
Bevölkerungsentwicklung bis 2030: + 1,1 %
Durchschnittsalter: 43,3
Verfügbares Einkommen: 17.181 €/Einwohner
Vereine: 563
Unternehmen: 3.669
Webpräsenz: www.worms.de
Wormser Sozial- und Bürgernetzwerk e.V.
Quellenangabe
Einwohnerinnen und Einwohner: Gemeindeverzeichnis des Statistischen Bundesamtes, Gebietsstand: 31.12.2014. Bevölkerungsdichte: Gemeindeverzeichnis des Statistischen Bundesamts, Gebietsstand: 31.12.2014. Bevölkerungsentwicklung bis 2030: Wegweiser Kommune (Bertelsmann Stiftung). Durchschnittsalter: Wegweiser Kommune (Bertelsmann Stiftung). Verfügbares Einkommen je Einwohner/in: Kreiszahlen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Ausgabe 2012. Die Zahlen gelten jeweils für den Landkreis bzw. die kreisfreie Stadt. Anzahl der Vereine: Registerportal der Länder; in Einzelfällen Angaben seitens der Kommunen. Anzahl der Unternehmen: Unternehmensregister-System 95. Stand: 31.12.2012. Die Zahlen beziehen sich auf den jeweiligen Kreis bzw. die kreisfreie Stadt.

Deutsch-Türkische Community in Worms

Das Team der Engagierten Stadt und der Deutsch-Türkische Community mit seinen Mitgliedern Uzatmaz Serdar, Norbert Haas, Nurlan Mamadov und Ali Kesler trafen sich in der Ehrenamtsbörse zum Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Die größte Gruppe im Quartier der Engagierten Stadt sind mit 1.243 Bewohnern die 20 bis 39 Jährigen, von denen 46 % Migrationshintergrund haben und 722 Kinder und Jugendliche. Das ist die Zielgruppe der Community,  einheimische und türkischstämmige  junge Menschen der 3. und 4. Generation ehemaliger Einwanderfamilien zu gewinnen. Es wurde in der Vergangenheit auf beiden Seiten versäumt, sich mit der jeweiligen Kultur vertraut zu machen. Die Kinder ehemaliger Einwanderer wissen immer noch nicht, warum Ostern oder Weihnachten gefeiert wird, ebenso ist für die einheimischen Deutschen der Ramadan eine Zeit mit sieben Siegeln.

„Wir wollen das ändern“, sagt der Vorsitzende Serdar Uzatmaz. Er ist sich auch nicht zu schade gewesen, im Seniorenheim als Weihnachtsmann aufzutreten. St. Nikolaus kommt schließlich aus dem Orient, was mancher Einheimischer auch nicht weiß. „Wir sind nicht Türken mit deutschem Pass, sondern Deutsche mit türkischen Wurzeln, so wie es durch Kriege viele Deutsche mit russischen oder polnischen Wurzeln gibt. Sie lieben ihre Stadt Worms und freuen sich, in der traumhaften rheinhessischen Landschaft zu leben, die eine Geschichte vielfältiger Integration hat. „Es gibt gut aussehende rheinhessische Menschen mit schwarzen Haaren, die als Italiener oder Franzosen durchgehen würden“, erzählt  Christina Heimlich eine Anekdote von einem Frankreichbesuch, wo ihr Mann, ein rheinhessisches Urgestein, glatt für einen Franzosen gehalten wurde.  Uzatmaz, der auch Mitglied im Stadtrat ist und über große Netzwerkkontakte verfügt, ist sicher, dass die persönliche Kommunikation der Weg zum Ziel ist. „Unsere Generation und unsere Kinder können das. Wir waren und sind auf deutschen Schulen gewesen, haben studiert oder eine gute Ausbildung gemacht. Unsere Töchter haben dieselben Chancen und werden gefördert. Deshalb haben wir die Initiative ergriffen und kümmern uns um die Integration selbst“.

Christina Heimlich, die Netzwerkverantwortliche der Engagierten Stadt Worms, erkennt in diesen Ideen das Netzwerkmotto für Worms „Multikulturell, traditionell, bunt“ und freut sich darüber, dass nun diese Kooperation entstehen wird. Die Deutsch-Türkische Community wird die Bewohner ihres Kreises auffordern, auch beim Picknick im Albert-Schulte-Park  am 25.6. – ab 13.00 Uhr dabei zu sein. Salate, süße und salzige türkische Gebäcke werden mit deutschem Kuchen und Kaffee geteilt. „Über die Facebook-Seite „Ehrenamtsbörse“ und „DTCW“ können wir uns gegenseitig zu Treffen und Veranstaltungen einladen“, rät Martin Gauer, der Koordinator der Ehrenamtsbörse. Heimlich fordert auch Senioren auf, mal ins Smartphone zu schauen, um informiert zu sein, was es hier Neues gibt. Es läuft auch gerade die Einladung zu einem Fotowettbewerb für Jugendliche im Quartier „Mein Blickwinkel“ – wie sieht die ganz junge Generation ihr Quartier in der Innenstadt von Worms?

Auswertung: Befragung zur Quartiersentwicklung

Auch in Worms geht es voran. Unser Ziel ist und war es, herauszufinden, was die Menschen in der Wormser Innenstadt beschäftigt, was sie als positiv und negativ empfinden und wobei sie bereit wären, sich zu engagieren. Gemeinsam mit einem professionellen Coach für Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit entwickelten wir Anfang des Jahres einen offenen Fragebogen, mit Hilfe dessen wir diese Stimmungsbild einholen konnten. Wichtig war bei der Zusammenstellung der Fragen, dass wir uns bewusst gegen einfach auszuwertende Entscheidungsfragen (also zum Beispiel „Gefällt Ihnen der Park in Ihrer Nähe?“) und für offene Fragen (wie „Was gefällt Ihnen hier?“) entscheiden haben. Wir wollten damit erreichen, dass wir zum einen wirklich mit den Themen konfrontiert werden, die die Bewohner beschäftigen und nicht mit jenen, die wir ihnen vorgeben würden. Zum anderen sollten diese offenen Fragen mehr Freiraum für kleine und größere Geschichten aus dem Alltag lassen, aus denen schließlich häufig ein besseres Bild der Situation hervorgeht, als aus bloßen Ja- und Nein-Antworten.

Stadtplan-QuartierNachdem ein ehrenamtliches Team von etwa zehn Personen gefunden worden war, wurden in einem ersten Schritt diejenigen Menschen in unserem Viertel interviewt, die ein berufliches Interesse am Stadtteil haben. 35 Gemeindeleiter, Geschäftsinhaber, Schuldirektoren, Politiker usw. wurden dabei zu ihrer Meinung befragt und erfreulicherweise konnten sich auch viele von ihnen ein Engagement für das Viertel vorstellen. Der folgende zweite Schritt war das Interviewen der Bewohner und Bewohnerinnen. Im Vorfeld von eingeworfenen Flyern angekündigt, gingen Interviewer-Teams von zwei Personen in einer Straße von Tür zu Tür und befragten die Wormser und Wormserinnen. Parallel dazu bestand auch die Möglichkeit, sich eigeninitiativ zu melden um einen Termin zu vereinbaren und somit ein besonders ausführliches Gespräch führen zu können. Diese Möglichkeit nutzte allerdings, wie zu erwarten war, nur ein knappes Dutzend der Betroffenen. Von ungefähr 3300 Menschen in diesem Quartier konnten fast 300 Haushalte und somit über 400 Einzelpersonen befragt werden. Auch wenn unsere Interviewer-Teams relativ häufig vor verschlossenen Türen standen, waren doch viele gerne bereit, Auskunft zu geben und konnten den Gedanken hinter der ganzen Aktion, nämlich ihr eigenes Wohngebiet lebenswerter zu machen, nachvollziehen.

Die Ergebnisse von beiden Interview-Runden, also von Professionellen wie auch Bewohnern, waren ähnlich. Neben der mangelnden Sauberkeit von Straßen und Anlagen und der schwierigen innerstädtischen Parkplatz-Situation, wurde vor allen Dingen die große Anonymität bemängelt. Glücklicherweise waren aber auch viele bereit, genau gegen diese Missstände anzugehen und könnten sich vorstellen, sich bei einem Nachbarschaftsfest oder einem Bürgertreff zu engagieren.

Der kommende dritte Schritt wird sein, zu einer Bewohnerversammlung Ende Oktober persönlich alle Interviewten, aber auch über Flyer und Presse alle Wormser, einzuladen um gemeinsam nächste Schritte zu planen. An diesem Abend werden sowohl die Ergebnisse der Interviews vorgestellt werden, als auch zu den am häufigsten genannten Themen erste Arbeitsgruppen entstehen, die sich aus Professionellen und Bewohnern zusammensetzen werden und hoffentlich auch längerfristig Bestand haben werden.

Nach diesem Bewohnertreffen wird es vor allem darum gehen, die einzelnen Gruppen in der Art zu begleiten, dass sie längerfristig selbstständig erfolgreich arbeiten und somit auch nach Ende des Projektes „Engagierte Stadt“ Worms nachhaltig verbessern.

Von Nicole Heinzelbecker, Engagierte Stadt Worms.

Befragung: Wormser Quartiersentwicklung

Aufgabe und Ziel der Engagierten Stadt Worms ist es, in Zusammenarbeit mit Bewohnern und Geschäftstreibenden im Wormser Innenstadtviertel ihren Wohnort zu verbessern, ihm eine eigene Identität zu verschaffen. Zu diesem Zweck wurden in einem ersten Schritt Interviews mit den sogenannten „Experten“ im Viertel geführt; mit all jenen, die ein berufliches Interesse an dem Quartier und seinen Bewohnern haben. Diese Phase ist mittlerweile abgeschlossen und die Ergebnisse stehen fest. Zurzeit laufen die Interviews mit den Bewohnern des Viertels, wobei auch dort ein Großteil schon geschafft ist.Stadtplan-Quartier

Lesen Sie nun hier von den Ergebnissen der geführten „Experten“-Interviews, vom aktuellen Stand der Dinge bei den Bewohner-Interviews und von Möglichkeiten der weiteren Entwicklung.

Ergebnisse der „Experten“-Interviews

34 Personen, darunter Gemeindevertreter, Ladenbesitzer und Dienstleister, wurden von fünf Interviewer-Teams dazu befragt, was ihrer Meinung nach im Quartier positiv ist, was nicht gut läuft, was geändert werden sollte und wobei sie bereit wären mitzuhelfen. Die jeweils häufigsten Antworten finden Sie hier:

Was empfinden Sie als positiv?

  • Die zentrale Lage (15 Mal genannt)
  • Die Kulturenvielfalt (11 Mal genannt)
  • Das Potential des Viertels; die historische Schönheit (8 Mal genannt)

Was empfinden Sie als negativ?

  • Viel Dreck, Müll, Hundekot auf den Straßen (12 Mal genannt)
  • Die schlechte Parksituation (11 Mal genannt)
  • Es gibt kein Nachbarschaftsgefühl, keine gemeinsame Identität (7 Mal genannt)
  • Das Viertel ist unattraktiv für Kinder / junge Familien (7 Mal genannt)

Was sollte Ihrer Meinung nach geändert werden?

  • Möglichkeiten schaffen, um sich als Nachbarn zu begegnen (9 Mal genannt)
  • Die Parksituation entschärfen, indem Gehwege nicht zugeparkt werden (6 Mal genannt)
  • Regelmäßige Straßenreinigungsaktionen durchführen (5 Mal genannt)

Wobei wären Sie bereit mitzuhelfen?

  • Bei einem Straßenfest (10 Mal genannt)
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Nicole Heinzelbecker und Christina Heimlich vor der Ehrenamtsbörse Worms

Aktueller Stand der Bewohner-Interviews

Seit einigen Wochen sind die fleißigen ehrenamtlichen Interviewer unterwegs, um Straße für Straße die Bewohner nach ihrer Meinung zu fragen. Zusätzlich zu denjenigen, die zu Hause angetroffen werden, werden Termine vereinbart, sofern explizit ein Interview gewünscht wurde. Es ist zwar sehr zeitaufwendig, aber durch diese Vorgehensweise werden viele Bewohner erreicht, die nicht aus eigener Motivation an solch einem Projekt teilnehmen würden. Außerdem wird eine Vielzahl von Stimmen aus verschiedensten Ecken der Bevölkerung gesammelt. Der hohe Zeitaufwand führt aber auch dazu, dass sich die Bewohner einiger Straßenzüge etwas länger gedulden müssen, bis sie zum Zuge kommen. Bisher wurden circa 250 Haushalte interviewt, 170 davon sind bereits ausgewertet. Die Tendenzen der Meinungen sind ähnlich wie bei den Experten, die endgültigen Ergebnisse werden noch folgen.

Ausblick

Einige Initiativen, die wir aus den Antworten ableiten konnten, sind bereits in Planung. Freuen dürfen sich die Bewohner unter anderem auf eine Quartiersführung, bei der sie ihr eigenes Wohnviertel neu kennen lernen werden. Ganz konkret wird es schon am 10. September, denn beim Tag der offenen Tür im Remeyerhof wird die Engagierte Stadt Worms mit einem Stand vertreten sein. Dem Seniorenheim ist wichtig, dass der Tag nicht nur für ihre Bewohner und deren Familien, sondern auch für die Anwohner interessant wird. Was sonst noch auf die Engagierte Stadt zukommt, wird die Zukunft zeigen – wir werden Euch davon berichten!

Von Christina Heimlich und Nicole Heinzelbecker, Engagierte Stadt Worms.

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