Wetzlar

Karin Buchner leitet das Projekt »Engagierte Stadt« im Freiwilligenzentrum Mittelhessen.

Drei Fragen an

Karin Buchner

Was wollen Sie in Ihrer Stadt verändern?

Mit einer gemeinsam erarbeiteten Engagementstrategie wollen wir dem Engagement in unserer Stadt eine feste Basis geben und gleichzeitig dessen Bedeutung deutlich sichtbar machen. Eine Engagementzentrale wird zum Knotenpunkt für Wissenstransfer, Austausch, Kooperation und Vernetzung sowie für neue Ideen.

Wer baut mit an Ihrer engagierten Stadt?

Viele Hände bauen an unserer »Engagierten Stadt« mit: Die Stadt selbst, die lokale Tageszeitung und die dahinterstehende Zeitungsgruppe Lahn-Dill, die verschiedenen Stadtteil-Quartiere, Wirtschaftsunternehmen und natürlich die Vereine, Initiativen und die Engagierten vor Ort.

Wie können Bürgerinnen und Bürger sich in Ihrer Stadt einbringen?

Es wird Ideen-Marktplätze, Engagement-Konferenzen und vor allem ganz viele Schnupper- und Mitmach-Aktionen geben. Der "Freiwilligentag für alle" oder eine "Lange Tafel der Nationen" mitten in der Stadt sind nur einige Ideen.
Bundesland: Hessen
Einwohnerinnen und Einwohner: 51.135
Bevölkerungsdichte: 676 Einwohner/km²
Bevölkerungsentwicklung bis 2030: - 3,1 %
Durchschnittsalter: 44,3
Verfügbares Einkommen: 20.903 €/Einwohner
Vereine: 430
Unternehmen: 11.440
Webpräsenz: www.wetzlar.de
Freiwilligenzentrum Mittelhessen e.V.
Quellenangabe
Einwohnerinnen und Einwohner: Gemeindeverzeichnis des Statistischen Bundesamtes, Gebietsstand: 31.12.2014. Bevölkerungsdichte: Gemeindeverzeichnis des Statistischen Bundesamts, Gebietsstand: 31.12.2014. Bevölkerungsentwicklung bis 2030: Wegweiser Kommune (Bertelsmann Stiftung). Durchschnittsalter: Wegweiser Kommune (Bertelsmann Stiftung). Verfügbares Einkommen je Einwohner/in: Kreiszahlen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Ausgabe 2012. Die Zahlen gelten jeweils für den Landkreis bzw. die kreisfreie Stadt. Anzahl der Vereine: Registerportal der Länder; in Einzelfällen Angaben seitens der Kommunen. Anzahl der Unternehmen: Unternehmensregister-System 95. Stand: 31.12.2012. Die Zahlen beziehen sich auf den jeweiligen Kreis bzw. die kreisfreie Stadt.

Familienpatinnen in Wetzlar

Sich Zeit nehmen für junge Familien oder Alleinerziehende, zuhören, Hilfestellung und Entlastung anbieten: Ehrenamtlich tätige Familienpatinnen werden künftig das Netzwerk Frühe Hilfen, das beim Jugendamt der Stadt Wetzlar verankert ist, bei diesen Aufgaben unterstützen.

Blog1Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung zwischen der Stadt Wetzlar und dem Freiwilligenzentrum unterzeichneten Oberbürgermeister Manfred Wagner und Dr. Uwe Röndigs, 1. Vorsitzender des Freiwilligenzentrums. Ehrenamtliche Familienpatinnen bringen ihr Erfahrungswissen ein und sind damit für junge Mütter und Väter glaubwürdige Bezugspersonen, erläuterte Stefanie Höchst, Abteilungsleiterin Frühe Hilfen | Kinderschutz. Birsen Krüger, die das Programm Frühe Hilfen im Wetzlarer Stadtteil Niedergirmes koordiniert, freut sich auf die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen: „Sie bringen eine ganz andere Perspektive in unsere Arbeit ein, entlasten die Familien und bauen Brücken zu den professionellen Unterstützungsangeboten.“.

Blog2Die Kooperation gründet auf den Erfahrungen des gemeinsamen Projekts Integrationslotsen, das bereits seit 2 Jahren erfolgreich erprobt wird. Auf der Basis einer umfassenden Evaluation wurden Kriterien identifiziert, die die erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Freiwilligenzentrum und anderen Akteuren ausmachen. Deren Übertragbarkeit soll nun im Vorhaben Familienpatinnen geprüft werden.

Die zukünftigen Familienpatinnen werden gut auf ihre Aufgaben vorbereitet. Im April 2016 beginnt ein 36stündiger Qualifizierungskurs. Das Konzept hierfür wurde vom Freiwilligenzentrum Mittelhessen in Abstimmung mit dem Jugendamt entwickelt. Frauen, die sich für ein Engagement als Familienpatin interessieren, konnten sich Ende März im Rahmen einer Info-Veranstaltung bereits über den Kurs informieren.

Von Karin Buchner, Freiwilligenzentrum Mittelhessen e.V.

Erfolgreiche Kooperationen

… sind ein zentrales Thema der Engagierten Stadt Wetzlar. Wir wollen wissen, was erfolgreiche Kooperationen auszeichnet und ob es gelingt, diese Gelingensbedingungen auf andere Vorhaben zu übertragen, um so weitere Verantwortungspartnerschaften anzustoßen.

Blog01Basis unserer Überlegungen ist das Projekt Integrationslotsen, das wir bereits seit 2013 in Kooperation mit der Stadt Wetzlar durchführen. Integrationslotsen sind Freiwillige, die selbst Migrationserfahrung haben. Sie nutzen dieses Erfahrungswissen, um andere Zuwanderer beim Ankommen in Wetzlar zu begleiten. In drei Jahren wurden 47 Integrationslotsen ausgebildet. Sie kommen aus 26 Ländern und sprechen ebenso viele Sprachen. 2015 setzte das Team mehr als 1.000 ehrenamtliche Stunden ein, um Zuwanderer zu Behörden, Ärzten oder bei der Erledigung von Alltagsdingen zu begleiten.

Blog03Was macht dieses Projekt so erfolgreich? Was zeichnet konkret die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, Verwaltung, Behörden und Institutionen, Freiwilligenzentrum und Engagierten aus? Ein Praxis-Workshop sollte auf diese Fragen Antworten geben.

Mehr als 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der gemeinsamen Einladung des Freiwilligenzentrums und der Stadt Wetzlar, um ihre Erfahrungen mit dem Einsatz von Integrationslotsen zu reflektieren. Nach der Begrüßung der Anwesenden durch Oberbürgermeister Manfred Wagner, erläuterte Karin Buchner, Freiwilligenzentrum Mittelhessen, die dem Projekt zugrundeliegende Idee sowie das Ausbildungs- und Koordinierungskonzept.

Blog02Was läuft schon gut in der Zusammenarbeit? Was fehlt noch an Wissen oder Informationen? Wie können wir unser Konzept weiterentwickeln? Zu diesen Fragen tauschten sich die Teilnehmenden mit VertreterInnen des Integrationslotsen-Teams aus und diskutierten dann in Themenecken noch einmal Detailfragen. Am Ende des Workshops standen konkrete Vereinbarungen zur Verbesserung von Information und Kommunikation zwischen den Akteuren sowie eine Ideensammlung zur interkulturellen Öffnung der Verwaltung. Exemplarisch sei auf zwei Ergebnisse besonders hingewiesen: Das Jugendamt der Stadt Wetzlar lud die Integrationslotsen zu einem Kennenlernbesuch ein, um Strukturen, Aufgaben und AnsprechpartnerInnen vorzustellen. Und Ende April 2016 wird es einen Workshop zum Thema „Interkulturelle Öffnung im Arbeitsalltag“ geben, der maßgeschneidert für die Bedarfe des Ordnungsamtes der Stadt konzipiert wird.

Von Karin Buchner.

Rede von Dr. Christof Eichert in Wetzlar

„Kennen Sie das Buch „Der Ruinenbaumeister“? Es stammt aus dem Jahr 1968, ist von Herbert Rosendorfer geschrieben und eine köstliche Aneinanderreihung skurriler Geschichten.  Der DTV-Verlag wirbt heute noch für dieses wunderbare Buch mit dem Hinweis „Komische und turbulente Abenteuer jenseits aller Vernunft“. Zu den Abenteuern gehört der Ruinenbaumeister Weckenbarth, der sinnlos, aber meisterhaft Ruinen baut, da seine Auftraggeber nicht so lange warten wollen, bis die Häuser durch Zeitablauf schließlich ansehnliche, den neidischen Nachbarn vorzeigbare Ruinen werden.

Manchmal in den 35 Jahren meiner Berufstätigkeit erinnere ich mich an diese Figur Weckenbarth. Wie viele Ruinen habe ich erlebt, wunderbar entworfen und doch schon vor dem ersten Stein zur Ruine bestimmt. Ich spreche von Förderprogrammen der Politik und von Stiftungen, die unentwegt Projekte angestoßen hat, von denen schon vorher erwartet werden durfte, dass sie nie mehr als unfertige Werke sein würden, der neidischen Konkurrenz aber als Beispiel eigener Gestaltungkraft gezeigt werden konnten. Inzwischen ist es keine literarische Schnurre oder Kritik unter Fachleuten mehr. Nein, es wird offen und zunehmend selbstkritisch über die zahllosen Projektruinen engagierter Projekt-Baumeister  gesprochen, über die vielen Initiativen, die mit befristeten Budgets aus öffentlichen und Stiftungskassen schön begonnen wurden, aber im Grunde nie mehr als nur Ruinen sein konnten.

Um aus diesem Bild endlich herauszuspringen, um nicht noch mehr „komische und turbulente Abenteuer jenseits aller Vernunft“ zu entwickeln, haben sich vor wenigen Jahren eine kleine Reihe von Stiftungen und das Bundesfamilienministerium zusammengefunden. Sie wollten im Feld der Engagement-Förderung gemeinsam und besser abgestimmt aktiv sein, aber nicht erneut nur für wenige Jahre einige Projekte in den Kommunen anbrüten, um sie dann wieder sich selbst zu überlassen. Daraus ist das Programm Engagierte Stadt entsprungen.

DSC_0867Wir brauchen Bürgerschaftliches Engagement. Darüber gibt es im Grunde keinen Streit mehr. Was aber vielen Politikern schwer fällt, ist die Erkenntnis, dass zwischen wohl-meinenden Worten der Politik über den Wert des Ehrenamtes auf der einen Seite und Forderungen nach dem willigen Einsatz der Bürger für finanzschwache Haushalte auf der anderen Seite eine ziemlich große Zumutung liegt. Engagement braucht Selbstbestimmung und Wertschätzung der Bürgerinnen und Bürger, es ist kein KRUFDI, kein „Kommunaler Reserve- und Freiwilligendienst“. Es braucht genauso stabile lokale Strukturen und Förderung. Engagement ist nicht nur eine Sache des Einzelnen oder der einsam agierenden Bürgerschaft alleine. Es benötigt Anlaufstellen, Organisations-Strukturen und Ressourcen vor Ort, damit aus Engagement tatsächlich Wirkung entsteht. Diese Anlaufstellen und Engagement-Zentralen vor Ort zu haben und vor allem eine effektive  Zusammenarbeit der vielen Aktiven zu erreichen ist der entscheidende Schritt zu einem aktiven Gemeinwesen der Zukunft, eben der Engagierten Stadt.

Im Netzwerkprogramm „Engagierte Stadt“ will die gemeinsame Initiative die weitere Entwicklung und Absicherung des bürgerschaftlichen Engagements in den Kommunen und Gemeinden nachhaltig stärken. Es sind dies die Bertelsmann Stiftung, die BMW Stiftung, der Generali Zukunftsfonds, die Herbert Quandt-Stiftung, die Körber-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und das Bundesfamilienministerium. Gemeinsam stellen wir in drei Jahren insgesamt drei Millionen Euro ausschließlich für lokale Weiterentwicklungsprozesse bei der Engagementförderung zur Verfügung.

Es geht also gerade nicht um den Aufbau neuer Strukturen, die nach drei Jahren dach-und geldlos als Ruinen bestaunt werden können. Genau dies wollen wir nicht. Es geht um das gemeinsame Lernen, wie man in dem Dreiecks-Verhältnis zwischen Bürgergesellschaft, Kommune und Wirtschaft ein besseres Zusammenarbeiten entwickeln und die gemeinsamen neuen Wege im Alltag erproben kann. Genau dies ist auch das ausgezeichnete und deshalb ins Programm aufgenommene Konzept der Freiwilligenzentrale Wetzlar. Ihnen geht es um eine Verantwortungspartnerschaft hier vor Ort und die Füllung dieses großen, aber schönen Wortes mit Leben.

Wer weiß, vielleicht gelingt es ja am Ende des Programms Engagierte Stadt, „Komische und turbulente Abenteuer der angewandten Vernunft“ zu schreiben. Eine Geschichte könnte aus Wetzlar stammen, wenn Sie weiter so zielstrebig entwickeln, was Verantwortungs-partnerschaft im Alltag der Engagierten bedeutet.“

Von Dr. Christof Eichert, Vorstand der Herbert Quandt-Stiftung, anlässlich der Auftaktveranstaltung in Wetzlar am 15. März 2016.

Top